Tag 15

Heute müssen mal die Haare ab. Dafür habe ich mir einen Termin bei Farber, dem ukrainischen Stylisten von Sonntagabend ausgemacht. Wirklich viel miteinander sprechen können wir nicht, aber ich sage ihm auf Russisch, dass er einfach die Haare so schneiden soll, wie er meint. Er gehört wohl zu den top Friseuren in Kiev und schnibbelt insgesamt zwei Stunden an meinen Haaren herum.

Sein Salon liegt gleich in der Nähe des Bahnhofs und ich wollte mir ja noch ein Ticket nach Moskau kaufen. Als ich dann allerdings am Schalter bin, sagt mir der Ticketverkäufer, dass es die Zugverbindung aus dem Internet nicht mehr gibt und schlägt mir eine Andere vor. Der Preis dafür weicht allerdings stark von den Informationen aus dem Internet ab. Plötzlich sollte ich 50 statt 25 Euro zahlen. Da ich sowieso nicht genug Geld dabei habe und er auch kein Englisch kann, mache ich mich auf den Rückweg zu Yareks Wohnung.

Kaum bin ich angekommen, ruft Yarek auch schon an, damit wir uns treffen. Es geht wieder mal in die Fazenda Bar, dieses Mal sind ich und Yarek die einzigen nicht Schriftsteller. Alle anderen der Gruppe sind entweder Journalisten, Autoren oder Dichter. Wir verstehen uns aber alle sehr gut und trinken diverse Longdrinks. Nach einiger Zeit bricht Yarek nach Hause auf und wir gehen noch zu Sebastien, einem franzoesischen Journalisten, der gleich um die Ecke wohnt.

Wir rauchen alle Pfeife und kommen irgendwann auf das Thema Politik zu sprechen. Ich frage, wer denn der sinnvollste Kandidat für die Ukraine sei? Darauf kommt die einstimmige Antwort: „Vitali Klitschko.“ Er ist anscheinend der Einzige der zumindest eine Idee von Ländern hat, in denen es besser läuft und er ist  auch der Einzige der noch nicht für Korruption bekannt ist.

Tag 14

Während des Tages ist heute ist großteils Entspannung angesagt. Ich kümmere mich um meine Couch in Moskau und erkundige mich nach Zugverbindungen dorthin. Zum Trampen ist die Strecke mit einer Fahrzeit von etwas über 11 Stunden zu lang. Von Kiev weg gibt es eine sehr gute Nachtzug-Verbindung. Ich beschließe mir die Karte allerdings erst am nächsten Tag, direkt am Bahnhofschalter zu kaufen.

Am Abend treffe ich mich mich Yarek, Michi, Jose und noch ein paar anderen auf dem Gogol-Festival. Dabei handelt es sich um ein einwöchiges Event, das auf einem leerstehenden Fabrikgelände stattfindet. In Berlin kennt man das kaum noch anders, in Kiev ist das für alle sehr aufregend und relativ neu. Ich finde es auch spannend, es hat irgendwie noch etwas pionierhaftes. Die Soundanlagen sind nicht zu 100% perfekt, das Bier geht nach einiger Zeit aus, aber alle Menschen sind sehr sympathisch und haben Spaß.

Auf dem Gelände gibt es alles Mögliche: Punk Rock/Metal/Indie, Dubstep/Minimal, Bilder, Street Art, Installationen, Lagerfeuer, Feuerkuenstler, Stummfilme, Theater, Klassik Konzerte usw. Wir sehen uns eine Punk-Band einige Zeit lang an und schlendern mit mehr oder weniger Plan über das Gelände. Um 21h00 fängt dann ein Stummfilm über Kiev in den 30er Jahren an. Es ist wirklich spannend zu sehen, wie die Industrialisierung die Stadt in null komma nichts verändert hat.

Um kurz nach Mitternacht ist die Sache dann allerdings schon wieder vorbei. Die Securities, die wohl als Vermietungsauflage eingestellt werden mussten, schmeißen die Leute raus und es beginnt auf einmal richtig häftig zu regnen. Innerhalb von ein paar Minuten sind alle Wege voller Wasser. Mit der spärlichen Beleuchtung auf dem Gelände kann man nur schwer erkennen, wo Asphalt und wo Wasser ist. Wir hüpfen von trockener Stelle zu trockener Stelle, bis wir beim Eingang sind. Mit dem Taxi geht es weiter. Als es los fährt, zischt das Wasser links und rechts rund zwei bis drei Meter hoch. Der Fahrer bemerkt dann allerdings, dass er wohl etwas langsamer fahren muss. Wir fahren in die Fazenda Bar, die Bar in der wir schon am Sonntag waren. Aber die guten Preise, Musik und Menschen haben überzeugt.

Tag 13

So wirklich ausschlafen kann ich mich heute auch nicht. Ich treffe mich mit Svitlana, die mich auf Couchsurfing angeschrieben hat, am Nachmittag. Gemeinsam spazieren wir entlang des Stadtflusses (Dnipro) und reden über verschiedenes. Sie studiert gerade Linguistik und lernt Englisch und Deutsch an der Uni. So ganz zufrieden ist sie damit allerdings nicht, da ihre Dozenten nicht einmal die Sprache komplett beherrschen und den Großteil der Vorlesung auf Ukrainisch halten.

Wir gehen weiter bis wir eine 62 Meter hohe, silberne Statue erreichen. Sie wurde zum Andenken an den Sieg der Sowjetunion über die Deutschen errichtet. Rundherum sind zahlreiche heroische Kriegsszenen in Metall dargestellt. Abgerundet wird das Bild noch von Haubitzen, Panzern und Flugzeugen.

Als wir zurückgehen, testet Svitlana noch meine kyrillische Lesekompetenz. Wenn ich lese, sieht das zwar zirka so aus, wie bei einem Erstklaessler, aber immerhin versteht sie alles, was ich vorlese. Generell geht es mir in der fremden Sprache relativ gut. Ich gestikuliere zwar meist nur und habe einen Wortschatz von rund 25 Wörtern, aber ich werde meist verstanden. Wenn nicht, habe ich immer Zettel und Stift dabei, dann wird eben gezeichnet. Auch die Orientierung klappt wunderbar, da ich zumindest Schilder lesen kann und einige Wörter sehr nah am Deutschen sind.

Am Abend treffe ich wieder Yarek, der ohne zu schlafen den ganzen Tag gearbeitet hat. Wir beschliessen heute nichts mehr zu unternehmen und unterhalten uns noch mit seinem Mitbewohner Andrii.

Tag 12

Da es gestern in der Bar dann doch wieder etwas länger ging, gehen wir den Tag gemütlich an. Yarek muss etwas arbeiten und für seinen Englischkurs lernen. Ich versuche in der Zeit einige Couchsurf-Requests für Kharkiv zu versenden. Ich bekomme zwar auch einige Antworten zurück, allerdings will es nicht so ganz klappen mit der einem Couchsurfing Host im Osten der Ukraine.

Am Nachmittag raffen wir uns allerdings doch auf und treffen Jose, ein Freund von Yarek aus Mexico. Die Stimmung ist etwas gedrückt, da Jose kurz davor war, seine Freundin das letzte Mal zu sehen. Als er das hinter sich gebracht hat, gönnen wir uns noch ein Bier. Jose geht nach Hause, ich und Yarek wollen aber noch einen anderen Freund treffen. Rund eine Stunde später begegnen wir Michael, ein wiener Journalist, der seit 6 Jahren in Kiev wohnt und für österreichische Zeitungen schreibt. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Politik, allerdings schreibt er auch für Großevents wie die Euro 2012.

Er führt uns in eine underground Bar, die früher eine Schaltzentrale für die Tram war. Die Preise für Drinks sind extrem gut und die Mischungen sogar noch umso besser. Für einen Vodka Tonik, halb/halb, zahle ich 2,50 Euro. Natürlich sprechen wir Englisch und fallen daher sofort auf. Wir kommen mit ein paar netten Mädels ins Gespräch, die zum Glück sehr gut Englisch können. Dazu stößt dann noch ein ukrainischer Stylist, der nur Ukrainisch spricht. Er lädt uns alle ein, bei ihm weiterzutrinken, was wir dann auch sofort tun.

Als ich über meine Reiseplaene rede, rät mir jeder der Anwesenden nicht nach Kharkiv zu gehen. Die Stadt soll anscheinend nicht wirklich besonders oder interessant sein. Ich beschließe daher bis 28. September in Kiev zu bleiben. Wir sind in der Wohnung bis 4h00 oder 5h00 bis wir feststellen, dass der Gastgeber bereits schläft. Daher machen wir uns auf den Weg. Die normalen Bars haben bereits alle geschlossen, wir finden aber noch eine 24/7 Bar und trinken noch ein letztes Bier. Auf einmal ist es 7h00 und Yarek verabschiedet sich, schließlich muss er in einer halben Stunde in die Arbeit. Für ihn ist das aber kein Problem, da er soetwas schon öfter gemacht hat. Kurz darauf machen wir uns dann auch auf nach Hause – ein guter Abend!

Tag 11

Es ist Samstag und Yarek hat Zeit mir die Stadt zu zeigen. Direkt von seiner Wohnung aus machen wir uns auf in die Altstadt. Auf dem Weg dorthin halten wir bei einem Bürogebäude. Wir gehen hinein und fahren ganz hinauf, leider ist dort alles zu, da ja kein Arbeitstag ist. Ein paar Etagen tiefer haben wir allerdings Glück und auf einem Balkon genießen wir die Aussicht über Kiev.

Die Stadt ist im sowjetischen Stil gehalten, nur wenige ältere Häuser brechen diesen Eindruck. Nichts desto trotz erklärt mir Yarek, dass die Mieten gerade im Stadtzentrum eigentlich unbezahlbar sind. Wenn man also einen noramlen Job als Kassierer oder Busfahrer hat, kann man maximal in den Vororten unterkommen.

Weiter geht es mit dem Standard-Touristenprogramm. Yarek zeigt mir diverse Kirchen und Sehenswürdigkeiten in der Altstadt. Das ist ganz gut um mich in der Stadt zu orientieren. Im Vergleich zu Lviv wirkt Kiev deutlich oestlicher. Alle Kirchen haben goldene Kuppeln und auch die sonstigen Sehenswürdigkeiten heben sich stärker von dem ab, was ich aus Österreich bzw. Deutschland kenne.

Am Abend machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt. Da die erste Bar zu voll ist und wir selbst nach 30 Minuten direkt am Tresen kein Bier bekommen, gehen wir in eine andere Bar, die ebenfalls Live-Musik spielt.

Auf dem Weg dorthin sehe ich einen Sticker, der die Situation in der Ukraine relativ gut beschreibt. Wer Geld hat kann alles machen, wer keines hat, hat eben Pech gehabt. Ich hatte ja schon einige Male Polizeikontrollen erwähnt, allerdings ist das noch nicht alles. Auch wenn man zum Arzt geht, muss man zuerst die Krankenschwester schmieren, um schneller dran zu kommen. Danach den Arzt um nicht nur zu überleben, sondern eventuell auch keine bleibenden Schäden von einer Verletzung davon zu tragen. Auch im Bildungswesen wird den Lehrern und Dozenten Geld zugesteckt und und und…

In zwei Monaten sind Parlamentswahlen in der Ukraine. Das ist den meisten Menschen allerdings ziemlich egal, von der Regierung erwartet sich hier keiner auch nur irgendetwas. Jeder weiß, dass es nur um Geld und Macht geht und das Volk eben draufzahlen muss. Im Winter 2004/2005 gab es ja schon erfolgreiche Proteste gegen die Regierung, jedoch war der neue Kandidat, der alles besser machen sollte, ebenfalls korrupt und die Menschen haben seit dem die Politik abgeschrieben.

Tag 10

Der Tag beginnt wieder mal früh. Um 6h30 stehe ich auf und packe meine Sachen. Andrii steht auch auf und wir frühstücken noch gemeinsam. Es gibt Eierspeise mit Fett, eine gute Stärkung für den langen Reisetag. Ich mache mich auf den Weg ins Zentrum, um meinen Bus zu finden, der mich an die Autobahn bringt, da die Busstationen nicht ausgeschildert sind, brauche ich dafür auch gut eine Stunde. Um 10h00 habe ich es dann aber geschafft und stehe mit meinem schild abfahrbereit neben der Straße. Es regnet leicht und mit einer Temperatur von rund 10 Grad ist es nicht wirklich der beste Tag zum Trampen. Ich habe allerdings wieder mal Glück und nach 30 Minuten nimmt mich ein Fahrer mit. Er ist Pole und sagt mir, dass er mich bis nach Rivna (200Km) mitnehmen kann. Auf dem Weg nehmen wir noch zwei weitere Tramper mit, die auch nach Kiev wollen, um auf ein Festival zu gehen. Auf der Autbahn bei Rivna werde ich raus gelassen und stelle mich auf den Pannenstreifen, um auf das naechste Auto zu warten. Der Verkehr zischt mit über 100 Sachen vorbei und nach 5 Minuten hält auch schon ein Fahrer an, der direkt nach Kiev fährt. Er kommt ursprünglich aus Kiev, arbeitet allerdings derzeit in Kaunas, Litauen. Wir können uns sogar auf Deutsch unterhalten, da er rund sechs Jahre in Deutschland gearbeitet hat. Er erzählt mir, dass sein Sohn auch trampt und er mich desshalb aufgesammelt hat. Auf der Fahrt sehen wir viel Polizei und werden auch einmal angehalten. Der Polizist will einfach nur etwas Geld und fragt nach allen möglichen Papieren. Mein Fahrer hat allerdings alles dabei und wird dann noch gefragt, warum er denn ein Auto aus Litauen fährt. Darauf antwortet er nur, dass das den Polizisten nicht zu interessieren hat und wir können weiter fahren. Auf der Straße sehen wir gelegentlich Tramper und viele Menschen, die Pilze, Kartoffeln und alles Mögliche verkaufen.

Um 17h30 bin ich bereits in Kiev und gehe erst mal etwas essen. Der Fahrer hat mir ein günstiges Restaurant verraten, in dem ich für 2 Euro ein frittiertes Hühnchen mit Reis bekomme. Anschließend mache ich mich auf den Weg zu meinem Couchsurfing Host, Yarek. Er lässt sich gerade ein Tattoo stechen und kommt erst später nach Hause. Der Mitbewohner ist allerdings in der Wohnung.

Alle Menschen, die ich nach dem Weg frage, sind extrem nett und rufen sogar Freunde an, die im Internet nach der Straße suchen. Andrii, der Mitbewohner, spricht Englisch und ist ein lustiger Kerl. Als seine Freundin Kartoffeln schneidet, sagt er das eine Wort, dass er auf Deutsch kann: „Schneller, schneller!“. Er lacht und seine Freundin ist etwas irritiert. Um 22h00 kommt dann auch Yarek und zeigt stolz sein Tattoo her. Er hat noch etwas mitgebracht und so trinken wir wieder mal Vodka mit Fett, Kartoffeln und Fleisch. Yarek lernt gerade Englisch, wir können uns aber relativ gut unterhalten.

Tag 9

Das Wetter hat sich vom einen auf den anderen Tag extrem verändert. Statt den bisherigen 20 Grad mit Sonne gibt es heute 10 Grad mit relativ starkem Regen. Ich versuche nochmals vor die Tür zu gehen und etwas von der Stadt zu sehen. Nach einer Stunde gebe ich allerdings auf, da meine Hose komplett durchnässt ist und sich der Spaß an der frischen Luft somit stark in Grenzen hält. Am Abend kommen Alex und Andrii wieder von der Arbeit und wir gehen den Abend dieses Mal etwas ruhiger an. Andrii zeigt mir ein paar Fotos von seinen Wanderungen in den Karparten und ich zeige ihm ein bisschen was aus Österreich. Er ist ein begeisterter Outdoor-Mensch, von dem her verstehen wir uns sehr gut. Eine Besonderheit zeigt er mir dann auch noch: den Fight Club in Echt. Andrii macht Kung-Fu und in seiner Freizeit trifft er sich ab und zu mit anderen Menschen in verlassenen Häusern und kämpft – ohne Bandagen und Polster.  Zum Abschluss gibt es einen gefälschten Medowucha (Cognac und Honig). Der schmeckt auch ganz gut, aber ich bin schon gespannt auf das Original. Ich gehe relativ früh ins Bett, da die Fahrt nach Kiev laut Google Maps rund sieben Stunden dauern wird.