Tag 10

Der Tag beginnt wieder mal früh. Um 6h30 stehe ich auf und packe meine Sachen. Andrii steht auch auf und wir frühstücken noch gemeinsam. Es gibt Eierspeise mit Fett, eine gute Stärkung für den langen Reisetag. Ich mache mich auf den Weg ins Zentrum, um meinen Bus zu finden, der mich an die Autobahn bringt, da die Busstationen nicht ausgeschildert sind, brauche ich dafür auch gut eine Stunde. Um 10h00 habe ich es dann aber geschafft und stehe mit meinem schild abfahrbereit neben der Straße. Es regnet leicht und mit einer Temperatur von rund 10 Grad ist es nicht wirklich der beste Tag zum Trampen. Ich habe allerdings wieder mal Glück und nach 30 Minuten nimmt mich ein Fahrer mit. Er ist Pole und sagt mir, dass er mich bis nach Rivna (200Km) mitnehmen kann. Auf dem Weg nehmen wir noch zwei weitere Tramper mit, die auch nach Kiev wollen, um auf ein Festival zu gehen. Auf der Autbahn bei Rivna werde ich raus gelassen und stelle mich auf den Pannenstreifen, um auf das naechste Auto zu warten. Der Verkehr zischt mit über 100 Sachen vorbei und nach 5 Minuten hält auch schon ein Fahrer an, der direkt nach Kiev fährt. Er kommt ursprünglich aus Kiev, arbeitet allerdings derzeit in Kaunas, Litauen. Wir können uns sogar auf Deutsch unterhalten, da er rund sechs Jahre in Deutschland gearbeitet hat. Er erzählt mir, dass sein Sohn auch trampt und er mich desshalb aufgesammelt hat. Auf der Fahrt sehen wir viel Polizei und werden auch einmal angehalten. Der Polizist will einfach nur etwas Geld und fragt nach allen möglichen Papieren. Mein Fahrer hat allerdings alles dabei und wird dann noch gefragt, warum er denn ein Auto aus Litauen fährt. Darauf antwortet er nur, dass das den Polizisten nicht zu interessieren hat und wir können weiter fahren. Auf der Straße sehen wir gelegentlich Tramper und viele Menschen, die Pilze, Kartoffeln und alles Mögliche verkaufen.

Um 17h30 bin ich bereits in Kiev und gehe erst mal etwas essen. Der Fahrer hat mir ein günstiges Restaurant verraten, in dem ich für 2 Euro ein frittiertes Hühnchen mit Reis bekomme. Anschließend mache ich mich auf den Weg zu meinem Couchsurfing Host, Yarek. Er lässt sich gerade ein Tattoo stechen und kommt erst später nach Hause. Der Mitbewohner ist allerdings in der Wohnung.

Alle Menschen, die ich nach dem Weg frage, sind extrem nett und rufen sogar Freunde an, die im Internet nach der Straße suchen. Andrii, der Mitbewohner, spricht Englisch und ist ein lustiger Kerl. Als seine Freundin Kartoffeln schneidet, sagt er das eine Wort, dass er auf Deutsch kann: „Schneller, schneller!“. Er lacht und seine Freundin ist etwas irritiert. Um 22h00 kommt dann auch Yarek und zeigt stolz sein Tattoo her. Er hat noch etwas mitgebracht und so trinken wir wieder mal Vodka mit Fett, Kartoffeln und Fleisch. Yarek lernt gerade Englisch, wir können uns aber relativ gut unterhalten.

Tag 9

Das Wetter hat sich vom einen auf den anderen Tag extrem verändert. Statt den bisherigen 20 Grad mit Sonne gibt es heute 10 Grad mit relativ starkem Regen. Ich versuche nochmals vor die Tür zu gehen und etwas von der Stadt zu sehen. Nach einer Stunde gebe ich allerdings auf, da meine Hose komplett durchnässt ist und sich der Spaß an der frischen Luft somit stark in Grenzen hält. Am Abend kommen Alex und Andrii wieder von der Arbeit und wir gehen den Abend dieses Mal etwas ruhiger an. Andrii zeigt mir ein paar Fotos von seinen Wanderungen in den Karparten und ich zeige ihm ein bisschen was aus Österreich. Er ist ein begeisterter Outdoor-Mensch, von dem her verstehen wir uns sehr gut. Eine Besonderheit zeigt er mir dann auch noch: den Fight Club in Echt. Andrii macht Kung-Fu und in seiner Freizeit trifft er sich ab und zu mit anderen Menschen in verlassenen Häusern und kämpft – ohne Bandagen und Polster.  Zum Abschluss gibt es einen gefälschten Medowucha (Cognac und Honig). Der schmeckt auch ganz gut, aber ich bin schon gespannt auf das Original. Ich gehe relativ früh ins Bett, da die Fahrt nach Kiev laut Google Maps rund sieben Stunden dauern wird.

Tag 8

Der Tag verläuft eigentlich relativ unspektakulär, bis Alex von der Arbeit kommt. Gemeinsam treffen wir Andrii in der Altstadt. Die zwei zeigen mir ein traditionell ukrainisches Essen: Kartoffelpuffer, verfeinert mit Speck und Schmand. Danach begeben wir uns auf die andere Seite der Stadt, um uns den alten lviver Friedhof anzusehen. Da wir etwas spät dran sind, ist der Haupteingang und auch der Hintereingang schon geschlossen. Der Zaun ist aber nur gut 1,80m hoch, also springen wir kurzerhand drüber. Die Gräber sind von 1800 bis heute. Besonders die alten Graeber sind sehr aufwaendig gemacht und wirken gerade in der Nacht sehr eindrucksvoll. Auf dem Friedhof gibt es eine eigene Sektion für Polen, die 1918 die Stadt verteidigt hatten. Die vielen Kreuze nebeneinander erinnern ein bisschen an den Kriegsfriedhof in Washington.

Anschließend wollen wir eigentlich mit der Tram zurückfahren. Nach 23h00 gibt es allerdings keine Verbindung mehr. Wir gehen durch ein überraschend ruhiges und menschenleeres Lviv. Doch so ganz zieht es uns noch nicht nach Hause und wir gehen in eine Bierhalle. Dort kann man Bier in Maßkrügen trinken und nebenbei gibt es Entertainment. Alle tanzen auf einer Buehne, hinter der sich dekorative Braukessel befinden. Zusätzlich wird auch noch auf den Tischen getanzt, es hat etwas von Oktoberfeststimmung. Auch das Lied „Ein Prosit“ wird gespielt. Sonst läuft großteils ukrainischer Pop und Elektro in Richtung David Guetta.

Tag 7

Ich stehe relativ früh auf und kann so noch mit meinen Gastgebern Alex und Andrii frühstücken. Danach müssen sie in die Arbeit, das denken sie zumindest zu diesem Zeitpunkt noch. Wir machen uns gemeinsam auf den Weg. Die Innenstadt liegt gerade einmal 15 Minuten zu Fuß entfernt und sie zeigen mir noch wo die Touristeninformation ist, damit ich mir einen Stadtplan besorgen kann. Anschließend besteigen wir noch den Turm in dem die Touristeninformation untergebracht ist. Von dort aus hat man eine perfekte Aussicht über die Stadt.

Als wir wieder unten sind, fragen die beiden, ob ich Lust auf ein Bier habe. Natuerlich bin ich dabei und frage, ob sie denn nicht arbeiten müssen. Andrii und Alex sind Programmierer und können sich somit die Zeit relativ flexibel einteilen, also bleibt noch Zeit für mein erstes ukrainisches Bier. Anschließend geht es noch durch die Altstadt zur Universitaet, wo mich die beiden verlassen. Ich relaxe erst mal ein wenig im Park und könnte mir eigentlich den ganzen Tag die wirklich extrem attraktiven ukrainischen Studentinnen anschauen, aber ich will ja noch etwas von der Stadt sehen.

Durch die Straßen von Lviv zu laufen ist ein Erlebnis, die Menschen und Autos bewegen sich alle ziemlich schnell. Wenn man von einer Straßenseite auf die andere möchte, wartet man nicht etwa an einer Ampel, sondern versucht sich durch den starken Verkehr zu kämpfen. Bei den kleinen Straßen ist das kein Problem, bei vierspurigen Hauptstraßen wartet man mit einer Menschenmenge zusammen und überquert die Strasse Spur für Spur.

Ich beschließe auf den Stadthuegel zu gehen. Es ist relativ warm und auf dem Hügel ist ein angenehm beschatteter Park. Von ganz oben sieht man dann auch auf die andere Seite der Stadt. Ich laufe noch den ganzen Tag mit mehr oder weniger Plan durch die Stadt und mache mich wieder auf den Rueckweg zur Wohnung.

Am Abend spielt Dynamo Kiev gegen Paris Saint Germain in der Champions League. Wir beschließen, uns in der lviver Brauerei zu treffen, um das Spiel anzusehen. Doch bevor wir in die Brauerei gehen, zeigt mir Andrii noch das alte Konzentrationslager von Lviv. Das Lager ist nicht etwa abgesperrt und hat eine Gedenkstätte. Um dort hin zu kommen müssen wir einfach neben dem Gehsteig auf einen Hügel klettern und schon zeigen sich die ersten Backsteinhäuser. Insgesamt zeigt mir Andrii drei verschiedene Gebäude. Sie sind alle im gleichen Stil, das größte Haus ist mittlerweile ein Hotel, ob die Leute das wohl wissen, wenn sie dort ein Zimmer buchen? In das letzte Gebäude kann man sogar hineingehen und auf das Dach klettern. Dafuer muss man eine enge Wendeltreppe hoch und über ein schmales Holzbrett.

So, nun aber auf in die Brauerei, wir haben die erste Halbzeit schon verpasst und Dynamo Kiev liegt 3:0 hinten. Egal, Alex wartet auf uns mit drei Mass Bier und einer „Snackplatte“. Die Platte besteht aus fettigen Würsten und Hähnchenflügeln. Dazu gibt es noch ein paar saure Gurken und Kartoffeln.

Als wir zu Hause ankommen, holen die zwei die Vodkaflasche aus dem Kühlschrank. Ich bekomme einen Kosakenhut aufgesetzt und los gehts. Zum Vodka gibt es noch einiges zu Essen, darunter geviertelte Zwiebeln, Knoblauchzehen, den Fettrand vom Speck und fettiges Brot. In der Ukraine, genauso wie in Russland trinkt man den Vodka zuerst und isst darauf irgendetwas. So wird man langsamer betrunken, jedoch im Endeffekt umso heftiger.

Tag 6 – Reise, Reise

Kurz nach sechs schaffe ich es tatsächlich aufzustehen und packe meine Sachen. Bis ich allerdings an der richtigen Strassenkreuzung stehe, dauert es ein wenig. Vorher muss ich noch etwas Proviant fuer die Fahrt einkaufen und der Bus mit dem ich eigentlich fahren wollte, faehrt nur bis 7h30 und dann wieder ab 14h30. Ich nehme also einen anderen Bus, der an der gleichen Station hält. Als ich dort ankomme, finde ich aber keine Auffahrt auf die Autobahn, sondern eine ganz normale kleine Strasse. Nach einigem herumwandern, sehe ich dann das Autobahnschild und merke, dass ich auf der richtigen Querstrasse bin, allerdings ist die Hauptstraße ein paar Blocks weiter ist.

Um neun Uhr stehe ich dann mit Schild vor einer Bushaltestelle, einmal mit lateinischen Buchstaben und einmal mit kyrillischen. Um zehn Uhr werde ich auch schon von einem ukrainischen Transporter mitgenommen. Der Fahrer heisst Mischa und kann immerhin um die 10 Woerter Deutsch. Der Beifahrer kann rund die selbe Menge auf Englisch und mit Mischas Ehefrau versuche ich Russisch beziehungsweise Italienisch zu sprechen. Da ich allerdings beide Sprachen nicht kann, ist die Unterhaltung etwas schwierig. Als ich mit Hilfe meines Russisch-Sprachfuerhers frage, ob sie nach Lviv fahren, bejahen sie dies. So geht die Fahrt etwa drei Stunden bis zur ungarischen Grenze, die wir relativ schnell (30 Minuten) passieren.

An der ukrainischen Grenze ist das allerdings etwas schwieriger. Wir müssen uns in die Schlange fuer Kleintransporter stellen und das heißt erst mal Stillstand. Jedes Auto muss extrem lange herumstehen und ein paar Grenzbeamte sehen sich Wagen für Wagen an. Je nachdem wie viel Geld man ihnen gibt eben gruendlich oder nicht. Da Mischa vor der Grenze ein paar Plastiksaecke voll irgendwas unter die Motorhaube gepackt hat, muss er natuerlich auch ein paar Euros springen lassen. Bei der Passkontrolle gibt es das gleiche Spiel. Er packt einen 10 Euro Schein in den Pass und die Fotos unserer Ausweise werden nicht mal beachtet. Wir stehen auf dem Inspektionsparkplatz fast fuenf Stunden und erst dann geht die Reise weiter. Mischa faengt an zu singen: „Ukraaainnnaaaa – lalala – Ukraainnnaaa“, bis uns ploetzlich ein Polizeiauto an den Straßenrand winkt. Mischa steigt mit 5 Euro Buendel aus, die Polizisten öffnen das Auto, alle lachen und es geht weiter. Es dauert nur rund drei Kilometer, bis er mir sagt, dass er jetzt doch nicht nach Lviv faehrt. Ich kann aber mit einem seiner Kollegen mitfahren, der das Auto genauso voll hat wie er. Wieder versuchen wir uns, meist vergebens, zu verstaendigen und es wird klar, dass ich mit diesen Menschen auch nicht nach Lviv komme. Egal, sie fahren zumindest in die richtige Richtung und der Rest wird sich zeigen.

Während der Fahrt halten wir immer wieder in Doerfern und Siedlungen und der Fahrer holt ein paar Kartons aus dem Auto, die er an Freunde verteilt. Es wird schön langsam dunkel und ich frage mich, ob das noch etwas wird mit Lviv. Sie versichern mir allerdings, dass sie mich zu einer Busstation bringen. Nach einem Zwischenstopp an einer Tankstelle stehen wieder drei Transporter nebeneinander und alle kennen sich. Ein Mann spricht mich auf Deutsch an: „Stefan, faehrst du nach Lviv?“ Ich bejahe und er faehrt mich zum Bahnhof. Rund 60 Kilometer vor Lviv dolmetscht mir der alte Mann noch, um ein Ticket zu kaufen. Fuer rund zwei Euro bin ich dabei. Ich bedanke mich, er lacht und ich gehe raus zu den Gleisen. Der Zug kommt auch sofort und ich steige ein. Bis ich meinen Wagon gefunden habe, muss ich allerdings noch durch einige Schlafwagons laufen. In der Ukraine sind die uebrigens alle offen, das heisst ich kaempfe mich mit meinem Rucksack durch herausragende Fuesse und Koepfe – shit happens 🙂 Per SMS lasse ich meinen Couchsurfing-Host Andrii wissen, dass ich um 00h23 ankomme. Er meint, dass das kein Problem ist und holt mich sogar noch vom Bahnhof ab.