Tag 99

Pünktlich um 6h00 stehe ich auf und mache mich fertig. Ich muss rund sieben Kilometer queer durch die Stadt laufen, um an der richtigen Straße zu stehen. Ich könnte zwar auch mit dem Bus fahren, aber der ist mir nach wie vor zu unverlässlich. Zumindest in der Früh ist es heute schön und so geht die Sonne während des Marschierens auf.

Ich starte gleich gut los und werde nach kurzer Zeit mitgenommen. Wir fahren durch das bergige Montenegro und der Schnee zeigt sich immer mehr. In Niksic werde ich dann rausgelassen und komme nun nur mehr Stück für Stück voran. Die Straße ist teilweise sehr selten befahren und so bleibt etwas Zeit, um mit dem Selbstauslöser der Kamara herumzuspielen.

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Irgendwann bin ich dann in Pluzine, was nahe an der Grenze zu Bosnien liegt. Der Verkehr nimmt nun erneut stark ab. In einer Stunde passieren mich vielleicht 3 Autos. In der Kälte rumzustehen macht nicht wirklich Spaß, also beschließe ich zu gehen. Die Straße führt entlang eines Stausees, über Brücken und durch Tunnels. Ein dicker SUV bleibt schließlich stehen und nimmt mich bis zum 140 Meter hohen Staudamm mit. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer ein Ingenieur ist, der beim Staudamm beruflich zu tun hat. Auf meine Nachfrage, versichert er mir, dass ich nur noch 11 Kilometer bis nach Bosnien habe, also beschließe ich auch hier zu Fuß zu gehen.

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Ich gehe bereits fast zwei Stunden und mich haben gerade einmal zwei Autos passiert,   das dritte nimmt mich dann aber mit. Der Fahrer ist zwar etwas verwundert, mich hier neben der Straße anzutreffen, er ist aber sonst ganz freundlich. Die Fahrt dauert relativ kurz und ich werde an einer Wegkreuzung nach Sarajevo herausgelassen. Der Verkehr nimmt etwas zu, allerdings scheinen alle Autos aus der Umgebung zu kommen. Beim Trampen bekomme ich dann noch etwas Gesellschaft von einem Bauern. Wir können uns zwar nicht wirklich unterhalten, er steht mit mir aber rund eine Stunde draußen und sieht mir beim Stoppen zu.

Wirklich großen Erfolg habe ich in dieser Gegend allerdings nicht und so stoppe ich einfach einen vorbeifahrenden Linienbus, der mich für vier Euro nach Sarajevo bringt. Ich schlafe rund eine halbe Stunde und als ich aufwache sind keine Fahrgäste mehr im Bus. Der Fahrer macht das Fenster auf und bietet mir eine Zigarette an. In Bosnien kann man fast überall problemlos rauchen. Von der Bevölkerung wird es allerdings als unhöflich angesehen, wenn man während dem Gehen in der Öffentlichkeit raucht.

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Angekommen an einem Busterminal am Stadtrand von Sarajevo bietet mir ein Taxifahrer an, mich in die Stadt zu fahren. Er will dafür aber 10 Euro, also lehne ich ab. Als ich ihm nach dem Weg frage, schickt er mich in die falsche Richtung. Ich brauche schlussendlich rund eine Stunde bis ich im Zentrum bin. Vor meiner Abreise in Podgorica habe ich mir eine Adresse eines Hostels aufgeschrieben und nun suche ich die Unterkunft. Ich finde ein Wohnhaus, in dem einfach eine Wohnung ein Hostel ist. Es gibt keine Rezeption. Ich muss bei der Nachbarin klingeln. Leider meint die Frau, dass sie für heute keinen Platz mehr hat und ich wohl noch etwas durch die Stadt spazieren muss.

Irgendwann finde ich dann auch ein Hostel. Es ist mit 14 Euro pro Nacht doppelt so teuer, wie das Vorherige. Da ich heute aber schon über 20 Kilometer mit dem Rucksack unterwegs war, freue ich mich auf einen Platz zum Schlafen. Im Gemeinschaftsraum treffe ich Louis. Er ist Franzose und leistet gerade einen Freiwilligendienst in Bosnien. Seine Aufgabe ist es unter andrem, Produkte aus den Dörfern in der Hauptstadt zu verkaufen. Wir essen gemeinsam und machen uns anschließend auf den Weg, um eine Bekannte zu treffen.

Die Bekannte heißt Karolina und macht ebenfalls einen Freiwilligendienst. Sie hat noch zwei Bosnier dabei, die sich aber den ganzen Abend ziemlich aufspielen und sich schwer tun einem Konversationsthema länger als zwei Minuten zu folgen. Egal, gemeinsam gehen wir in eine Bar, in der es eine Silent Disco gibt. Man hat also die Wahl, ob man laute Musik auf Kopfhörern hören will, oder ob man sich lieber unterhält. Eigentlich ist das ein ganz lustiges Konzept. Den Bass der Musik kann man aber nicht spüren, da ist mir ein richtiger Club schon lieber. In der Bar gibt es dann erst mal Bier und Absinth. Bevor es dann irgendwann ins Bett geht, gönnen wir uns noch einen hähnchen Burek.

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Tag 98

Slobodan hat heute nicht viel vor, also will er mir Podgorica zeigen. Die komplette Tour kann man mit einem Bus machen und so stellen wir uns zur Bushaltestelle. Anders als in den meisten Ländern, in denen ich bisher war, ist hier auf den Bus überhaupt kein Verlass. Das wissen mittlerweile auch die Taxifahrer und so fahren sie die Busstrecken ab und nehmen die Passagiere fuer das gleiche Geld mit. Slobodan und ich gehen aber lieber zu Fuß durch die 150.000 Einwohner-Stadt.

Es geht zum Ufer des Flusses Moraca. Hier ist wohl im Sommer ein sehr angenehmer Ort zum Picknicken. Derzeit regnet es aber häufig und so führt der Fluss deutlich mehr Wasser, als normalerweise.

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Ich unterhalte mich mit Slobodan über die Abstimmung zur Abspaltung Montenegros von Serbien und erfahre, dass sie nur durch ein paar Tricks positiv ausgefallen ist. Die meisten Menschen hier sprechen nach wie vor Serbisch und standen zumindest zur Zeit der Abstimmung nicht hinter dem eigenen Staat. Die Regierung versucht aber trotzdem alles, um Montenegro als Staat zu propagieren und so kann man beim Bankomaten nur Montenegrinisch, Englisch und Deutsch auswählen.

Wir bekommen Hunger und ich versuche etwas aus der traditionellen Küche. Es gibt massig Crepes, überzogen mit saurer Sahne. Die Portion ist riesig und so gehen wir anschließend zurück zur Wohnung. Wirklich viel Zeit zum Rumliegen haben wir allerdings nicht, da eine Kommilitonin vorbeikommt. Sie muss mit Slobodan etwas fuer die Jungen Europäischen Föderalisten vorbereiten. Beide besprechen rund eine Stunde wo eine zukünftige Veranstaltung des Vereins stattfinden soll. Mit ihrem Plan treten sie in Konkurrenz mit Ländern wie Norwegen, Mazedonien und Albanien, die ebenfalls gerne die Veranstaltung im eigenen Land abhalten würden.

Ich kann natürlich während der Besprechung nur wenig helfen, aber wir haben etwas Bier eingekauft und so ist das in Ordnung. Als seine Kommilitonin wieder geht, trinken wir den Rest aus und unterhalten uns.

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Kurz vor 22h00 mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Ich brauche etwas laenger als gedacht und so muss ich die letzten Meter rennen. Ich schaffe es aber gerade noch rechtzeitig und leicht ausser Atem frage ich nach dem Bus nach Sarajevo. Ich bekomme eine kurze und enttäuschende Antwort: „The bus is cancelled.“

Als ich die Halle verlasse, spricht mich ein Taxifahrer an, der fuer einen erschwinglichen Preis nach Sarajevo fahren will. Leider braucht er dafür vier Fahrgäste und mit mir hätte er gerade einmal drei Interessenten. Wir warten also noch auf eine vierte Person, jedoch vergebens.

Es ist bereits nach Mitternacht und ich habe keine Lust mehr, nochmals eine Stunde zurück zur Wohnung zu gehen, also fährt mich der Taxifahrer. Dort angekommen, verliere ich keine Zeit und gehe sofort ins Bett. Ich will morgen um 6h00 aufstehen, um den Weg nach Sarajevo auch sicher zu schaffen.

Tag 97

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Früh am Morgen gehe ich zur Autobahn in Richtung Montenegro. Es dauert nicht lange und die ersten Autos stoppen. Doch anders als bisher, wollen alle Geld fuer die Fahrt. Ich lehne ständig ab und komme nur mühsam ein paar Kilometer vorwärts, dafür eben gratis. Auf meinem Weg sehe ich viele Militärfahrzeuge der KFOR. Die Fahrzeuge sind unterschiedlich gekennzeichnet, je nach Herkunftsland der Einheit. Ich versuche die österreichischen Truppen zu stoppen, doch mehr als zuwinken, dürfen die Soldaten wohl nicht.

Irgendwann wird die Zeit knapp und ich muss wohl etwas Geld in die Hand nehmen, um vorwärts zu kommen. Das nächste Auto, das stehen bleibt, verlangt rund 5 Euro, um mich zur Grenzstadt im Kosovo zu fahren. Ich greife in meine Taschen und nehme meine letzten Münzen heraus. Die 2,20 Euro reichen und so komme ich bis kurz vor die Grenze. Es liegt ziemlich viel Schnee und die Strasse nach Montenegro führt direkt über die Berge. Es finden sich daher nicht viele Leute, die in Richtung Grenze fahren. Ein Taxifahrer hält allerdings an und verlangt 5 Euro bis ins nächste Bergdorf in Montenegro. Ich sage ihm zu und bin somit auch meinen letzten Geldschein los.

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Die Grenze passieren wir problemlos. Meinen Rucksack wird nicht kontrolliert und bald sind wir auch schon im besagten Bergdorf. Von hier gibt es ausschließlich lokalen Verkehr und so komme ich immer nur 2 Kilometer vorwärts. Podgorica liegt aber doch etwas weiter weg und so vergeht die Zeit ohne wirklichen Fortschritt. Ein Bus kommt vorbei, der nach Podgorica fährt und ich stoppe ihn. Beim Einsteigen erkläre ich dem Fahrer, dass ich kein Geld habe und so kann ich kostenlos mitfahren.

In Podgorica frage ich dann jemanden um ein Handy und informiere Slobodan, meinen Couchsurf-Host, über meine Ankunft. Wir verabreden uns am Hauptplatz und noch bevor er eintrifft, führt mich mein Weg in eine Bäckerei. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen und freue mich umso mehr über ein vor Fett triefendes Burek.

Als ich Slobodan treffe, erzählt er mir, dass ich ruhig noch einen Tag bleiben kann, da er erst später in sein Heimatdorf fährt. Ich beschliesse also einfach morgen den Tag in Podgorica zu verbringen und dann den Nachtbus nach Sarajevo zu nehmen. So gewinne ich einen ganzen Tag und kann wenigstens etwas von der Stadt sehen.