Tag 38

Ich bin bei Gelyas Mutter zum Mittagessen eingeladen. Es gibt wieder kalmueckisches Essen, diesesmal schmeckt es aber sehr gut. Das Essen besteht aus Reis mit sehr leckerem Fleisch und gebratene Fischkottlets, dazu trinken wir hausgemachten Wein. Die Familie ist sehr gastfreundlich und interessiert an meiner Reise. Zum Abschied geben sie mir sogar noch Souvenirs aus Elista. Anschliessend gehen wir raus und machen noch ein paar Abschiedsfotos, ich will ja heute um 17h00 den Bus nach Makhachkala nehmen.

Vorher treffe ich mich aber noch mit Oksana, der Journalistin die mich interviewen wollte. Wir sprechen rund eine Stunde und sie verspricht mir den Artikel nach Oesterreich zu schiсken. Dei Zeit draengt, daher bringen mich Gelya und ihre Schwester zum Busbahnhof. Man kann die Bustickets nur kaufen, wenn der Bus vor Ort ist und so warten wir.. und warten.. und warten. Es ist bereits 19h00 und noch immer keine Spur von dem Bus. In der Busstation merkt allerdings eine Verkaeuferin, dass ich wohl nicht von hier bin und so fragt sie, woher ich komme. Gelya uebersetzt fuer mich und auf einemal kommt die Verkaeuferin zu mir und gibt mir einen Tetrapack fuer die Reise. Ein paar Minuten vergehen und sie bietet uns allen Tee an, damit nicht genug, wir machen ein Foto zusammen und ich bekomme noch Kekse. Ich bin wirklich ueberrascht ueber die unerwarteten Geschenke.

Eine halbe Stunde spaeter kommt dann eine Durchsage. Der Bus nach Makhachkala faehrt heute nicht und so bieten mir Gelya und ihre Schwester an, eine Nacht in ihrer Wohnung zu schlafen. Wir essen noch gemeinsam und treffen uns mit zwei Freunden in einem Cafe. Um 2h00 bin ich dann im Bett und hoffe, dass der Bus am naechsten Tag auch wirklich nach Elista faehrt.

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Tag 37

Ich treffe mich mit Gelya um 11h00 und wir gehen in Richtung City-Chess. Damit ist ein Gebaeude gemeint, in dem frueher einmal Schachweltmeisterschaften statt fanden. Generell sind die Kalmuecken Schachbegeistert. In dem Komplex finden sich Fotos von kalmueckischen Schachtalenten wieder und natuerlich zahlreiche Pokale und Medaillien. Wir treffen einen weiteren Freund von Gelya, Sanal. Er spricht leider nicht viel Englisch, aber Gelya kann uebersetzen. Gemeinsam gehen wir zur Gedenkstaette fuer die Deportation der Kalmuecken unter Stalins Herrschaft. Ab 1945 wurden die Kalmuecken und anderen Voelker Russlands in Viehwagons nach Sibieren gekarrt. Sie wurden von einander getrennt und es wurde ihnen verboten Kalmueckisch zu sprechen. Auch jegliche Braeuche und Traditionen durften nicht ausgeuebt werden. So wollte Stalin die Kalmuecken an Russland anpassen und ihnen ihre Identitaet rauben.

Gelya muss in die Arbeit, sie unterrichtet Kinder die Probleme mit Englisch haben. Sanal und ich gehen zum buddhistischen Tempel Churu. Bevor wir aber den Tempel betreten, drehen wir eine Runde um das Gebaeude und drehen an den Gebetsmuehlen. Das soll Glueck bringen, also warum nicht. Als wir den Tempel betreten, muessen wir die Schuhe ausziehen. Im Inneren herrscht eine angenehme, entspannte Atmosphaere. Es gibt kleine Baenke auf denen ein paar Menschen Beten. Der Blick geht aber sofort auf die rund 8 Meter hohe, gold gefaerbte Buddha Statue. Wir gehen zur Statue und verneigen uns davor, als Belohnung gibt es gesegnete Kekse und Suessigkeiten. Sanal zeigt mir aber noch mehr vom Tempel. Mit dem Lift kommt man auf die Terrasse und man hat einen guten Blick ueber Elista. Auf dem Weg zurueck treffen wir einen buddhistischen Lama (Priester bzw. Guru), der uns auch gleich in sein Zimmer bittet. Er kann zwar kein Englisch, aber ich zeige ihm wann ich geboren bin und daraufhin betet er rund 15 Minuten fuer meine Reise.

Ich treffe mich mit Gelyas Cousine und einer weiteren Bekannten, die sogar Deutsch spricht. Sie ist Journalistin und fragt mich, ob sie mich interviewen darf. Ich habe natuerlich nichts dagegen und so gehen wir gemeinsam in ein Cafe. Zu essen gibt es diesesmal eine kalmykische Spezialitaet: Die Innereien eines Schafes, als Suppe zubereitet. Ich muss sagen, dass die Suppe geschmacklich ok ist, doch jedes Mal wenn ich auf meinen Loeffel schaue, vergeht mir der Appetit. Ich esse die Suppe halb auf und lasse den Rest stehen. Fuer das Interview haben wir nicht genug Zeit, da ich Gelya versprochen habe in ihre Sprachschule zu kommen und mit den Leuten Englisch zu sprechen. Gelyas Mutter ist ebenfalls Lehrerin und leitet die Schule. Sie unterhaelt sich mit mir auf Englisch, die Schueler sind etwas schuechtern, ich hoffe aber, dass sie einiges verstehen, von dem was ich sage.

Tag 36

Die gestern gekaufte Matrjoschka kann ich natuerlich nicht im Rucksack mitnehmen. Es gibt zwei Optionen die Puppe zu versenden, entweder mit der russischen Post, oder mit DHL. Die russische Post ist allerdings dafuer bekannt, dass sie so ziemlich alle Sendungen beschaedigt, oder aufreisst und den Inhalt klaut. Daher machen Yuri und ich uns auf zur DHL Packstation. Dort lassen wir alles ordnungsgemaess eintueten, die Dokumente fuer den Zoll werden fertig gemacht und zum Schluss erfahren wir den Preis fuer den ganzen Spass: 7000 Rubel!! (Rund 170 Euro) Ich lehne dankend ab und Yuri erzaehlt mir, dass er sowieso vor hat, im Winter nach Oesterreich zu kommen, dann kann er die Puppe gleich mitnehmen.
Es geht weiter zur Busstation. Ich habe Glueck und der naechste Bus nach Elista geht in 20 Minuten. Yuri bringt mich noch zum Bus und wir verabschieden uns. Die Fahrt nach Elista dauert rund 6 Stunden und auf dem Weg sieht man nichts, bis auf eine karge Steppe und ab und zu ein paar Schafe und Kuehe. Auch Verkehr ist relativ wenig zu sehen. Ich bin froh, dass ich mich fuer den Bus und gegen das Trampen entschieden habe. Im Bus gibt es sogar ein Entertainment-Programm. Eine wirklich schlechte Kriminalserie, in der sogar das Blut fehlt wenn sich die Menschen gegenseitig abknallen. Man hat das Gefuehl, als wuerde das Drehbuch in der Nacht geschrieben, am Vormittag gedreht und am Nachmittag gesendet.
Elista ist die Haupstadt der Region Kalmueckien. Das ehemalige Normadenvolk stammt urspruenglich aus Mongolien und ist seit dem queer durch Asien gereist. Noerdlich des Kaukasus haben sie sich niedergelassen und sind jetzt ein Teil von Russland. Kalmueckien ist die einzige buddhistische Region Europas.
Als ich am Busbahnhof ankomme, werde ich das erste Mal in Russland nach meinem Ausweis gefragt. Die zwei Polizisten sind aber eher an mir als Person interessiert, als an meinen Papieren. Sie kontrollieren nicht einmal mein Visa, nur die Seite mit dem Foto. Da sie aber kein Deutsch oder Englisch koennen, haben sie auch keine Ahnung was auf der Seite steht. Sie fragen mich aber woher ich komme, wohin ich Reise und so weiter.

Gelya kommt vorbei, die ich ueber Couchsurfing angeschrieben habe, ich kann leider nicht auf ihrer Couch schlafen, aber sie zeigt mir eine Wohnung die ich halbwegs guenstig fuer zwei Tage mieten kann. Ich zahle 25 Euro pro Nacht, da es aber in Elista keine Hostels gibt, ist das die guenstigste Loesung. Gelya zeigt mir den Hauptplatz und wir setzen uns noch mit einem Freund von ihr in ein Cafe. Um 21h00 geht es schon nach Hause, da sie muede ist, ich schliesse mich an und komme zur Abwechslung mal frueh ins Bett.

Foto Haus

Tag 35

Maria und ich gehen wieder zum Paulusmuseum, doch heute ist das wohl auch geschlossen. Keiner weiss wirklich Bescheid, da es sich im Keller eines Einkaufszentrums befindet, aber die Tuer ist zu. Wir spazieren noch etwas durch die Stadt, halten uns aber in Bahnhofsnaehe auf. Da Maria heute den Bus nach Nizhny Novogord nimmt, sitzen wir im nahegelegenen Park und unterhalten uns. Yuri kommt in seiner Mittagspause vorbei und wir verabschieden uns von Maria.

Wir fahren in die Wohnung und ich entspanne ein bisschen, Yuri muss in die Arbeit. Ich mache mir Gedanken wegen eines Souvenirs und es soll eine Matrjoschka werden. Yuri kommt gegen 18h00 wieder von der Arbeit und wir ueberlegen, wo mann um die Zeit noch so etwas herbekommt. Mit dem Taxi machen wir uns auf die Suche und der erste Shop hat auch direkt geschlossen. Wir versuchen es am Bahnhof. Yuri steigt aus und meint zu mir, dass ich im Taxi bleiben solle. Er kommt mit einer grossen schwarzen Tuete wieder zurueck und drueckt sie mir in die Hand. Darauf meint er nur: „It’s a present.“

Im Restaurant essen wir zu Abend und ich finde heraus, dass die Puppe aus ganzen 10 Teilen besteht. Wir gehen wieder in die Cocktailbar, in der wir auch schon die letzten Tage waren. Diesesmal ist ein anderer Barkeeper da, der aus Nigerien kommt. Dort spricht man Englisch und so koennen wir uns gut unterhalten. Mein Schal, den ich gestern Abend in der Bar vergessen habe, ist leider nicht aufgetaucht, aber das ist nicht so schlimm. In der neachsten Stadt, Elista, soll es um die 20 Grad haben.

Tag 34

Ich und Maria wollen zum Bunker von Friedrich Paulus, der erste (und einzige?) Generalfeldmarschall der sich unter Hitler ergeben hat. Leider hat das Museum heute geschlossen. Wir werden morgen unser Glueck noch einmal versuchen. Das Wetter ist gut, wir kaufen uns ein Eis und setzen uns zur Wolga. Ich bin wirklich froh, dass ich jetzt schon deutlich weiter suedlich bin und die Temperatur wieder schoen langsam steigt.

Yuri kommt frueh von der Arbeit und wir fahren zu dritt zum Kriegsdenkmal. Damit ist eine riesige Statue mit Schwert gemeint, die Mutter Heimat genannt wird. Neben der Statue ist ein Gedenkraum, mit ewigen Feuer, zahlreichen Namen von toten russischen Soldaten und ein paar lebendigen Soldaten die auf das Ganze aufpassen. Als wir kommen, ist gerade Wachabloese und die Aufgabe des Kommandanten ist es, die Uniform seiner Untergebenen korrekt herzurichten.

Wir haben nicht mehr viel Zeit, bis es dunkel wird, also fahren wir zu einer nahegelegenen alten Bootsstation. Hier hielten fruher Linienschiffe, die auf der Wolga unterwegs waren. Jetzt sieht man russische Paerchen und Menschen wie uns, die sich einfach das alte Haus anschauen wollen. Die Fahrt dorthin geht zuerst ueber die Autobahn und dann ueber Stock und Stein, ich bin begeistert, dass Yuris alter Lada die Strecke problemlos packt. Es wimmelt nur so von tiefen Schlagloechern, Steinen und Sandgruben. Bewacht wird das Haus von einem gemeingefaehrlichen Hund.

Anschliessend machen wir das, was man eben am Abend so macht. Wir kaufen eine Flasche Vodka, ein bisschen Fanta zum runterspuelen und treffen Yuris Freunde in einem Park. Sie koennen leider nur sehr wenig Englisch, aber so ein bisschen kann ich mich unterhalten. Maria spricht sowieso Russisch und kann mir ein bisschen helfen.

Danach gehen wir wieder in die Bar von gestern, dieses Mal ist etwas mehr los und es macht dort schon mehr Spass. An unserem Tisch sind zwei Maedels und unterhalten sich. Yuri meint zu mir schon, dass er sich nicht ganz sicher waere, als er aber nach der Telefonnummer fragt, sagt er zu mir: „Prostitutes.“ Wir trinken unseren Cocktails aus und suchen das Weite.

Tag 33

Obwohl ich ich eine „Platzkart“ gekauft habe (40 Betten in einem Wagon ohne Tueren) verlaeuft die Nacht relativ ruhig. Ich wache zwar ein paar Mal auf, aber kann gleich wieder weiterschlafen. Nach 10 Stunden reicht es dann auch, als ich meine Augen aufmache, sehe ich lauter alte Frauen durch den Zug gehen, die alles Moegliche verkaufen. Das ist aber im Osten ziemlich normal, da die Rente einfach nicht zum Leben reicht.

Es ist Zeit fuer ein Fruehstueck. Die Anderen sind auch schon wach und wir trinken gemeinsam Tee. Heisses Wasser gibt es im Zug gratis und die anderen Fahrgaeste geben mir Teebeutel und ihr Teeglas. Man bekommt naemlich traditionelle russische Teeglaeser, die halb aus Metall sind und damit ein Glas umschliessen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das bereits im Blog erwaehnt habe, aber Russen lieben Tee. Mittlerweile trinke ich auch 2 bis 3 Tassen pro Tag, warum eigentlich nicht? Da das Wasser aus der Leitung meistens nicht besonders schmeckt, wird es eben abgekocht und aromatisiert. Am Nachmittag bekomme ich noch etwas Kuchen geschenkt. Doch das soll es noch nicht gewesen sein, damit ich auch sicher nicht verhungere, gibt es noch zwei dick belgte Wurstbrote und natuerlich eine Gurke mit etwas Salz. Um das zu verdauen, lege ich mich nochmals fuer zwei Stunden hin.

Um 17h00 sind wir dann in Volgograd. Yuri, mein Couchsurf-Host und Maria, eine Couchsurferin aus Deutschland, warten schon auf mich am Bahnsteig. Wir gehen nach Hause und ich kann mich endlich duschen. Nach einenhalb Tagen in Zuegen und Bahnhoefen fuehlt sich das umso besser an.

Yuri ist Systemadministrator und arbeitet in einem schicken Buerogebaude. Mit mir und Maria faehrt er in den 46. Stock, direkt zum Dach. Wir gehen eine Treppe hoch und sind auf dem Hubschrauber-Landeplatz. Von hier aus hat man eine tolle Sicht ueber Volgograd. Es wird gerade dunkel und so ergibt sich auch eine tolle Stimmung mit dem restlichen Licht der Sonne und dem kuenstlichen Licht der Strassen.

Als es dunkel ist, gehen wir entlang der Kampflinie von Deutschen und Russen. Auf der Seite der Wolga waren die Deutschen und auf der anderen Seite die Russen. Wirkliche Rueckzugsmoeglichkeiten gab es also nicht. Insgesamt starben rund 700.000 deutsche Soldaten bei dem erfolglosen Kampf um Stalingrad. Viel davon sieht man allerdings nicht mehr, es nur noch wenige Gebaeude, die Seit dem Weltkrieg stehen blieben.

Wir gehen in ein Restaurant, das wie eine Bierhalle gestaltet ist. An den Waenden finden sich Masskruege und die Kellnerinnen tragen Dirndl, nicht das erste Mal, dass ich auf meiner Reise Oktoberfest aehnliche Lokalitaeten sehe. Anschliessend gibt es noch zwei Cocktails in einer Bar, doch da es Sonntag ist und wir fast die einzigen Gaeste sind, gehen wir zurueck zur Wohnung.

Tag 32

Heute ist wieder mal Reisetag, das heisst wieder frueh aufstehen, Sachen packen.. das Uebliche. Maria und Max bringen mich noch zur Busstation und ich fahre zum Bahnhof. Ich brauche etwas bis ich das richtige Gleis gefunden habe, da man zu bestimmten Gleisen einen anderen Eingang nehmen muss. Ich bin aber rechtzeitig im Zug und es geht nach Moskau. Ich schlafe fast die ganze Fahrt und nach ein paar Stunden bin ich auch schon da.

In einem Einkaufszentrum treffe ich mich mit Viktoria, die mir meine EC-Karte gibt. Endlich kann ich wieder Geld abheben. Da ich meinen Rucksack dabei habe und Moskau schon ganz gut kenne, beschliesse ich einfach zum anderen Bahnhof zu fahren, von dem mein Zug nach Volgograd geht. Ich besorge mir noch etwas Reiseproviant und warte auf den Zug. Eine Stunde bevor der Zug abfaehrt, treffe ich mich noch mit Anna, einer Musikstudentin aus Moskau. Wir reden ein bisschen, sie bringt mich noch zu meinem Wagon und sagt mir, dass ich wohl in einem neueren Wagon fahren duerfe. Glueck gehabt.

Die Zugfahrt wird insgesamt 21 Stunden dauern und als ich mich hinsetze, schweigen alle. Keiner redet ein Wort, nichts. Als ich dann den Schaffner etwas frage, merken alle, dass ich kein Russe bin. Zum Glueck kann ein Mann gegenueber von mir etwas Englisch und so koennen wir uns mehr oder weniger gut unterhalten. Er uebersetzt auch fuer die Anderen, die sich sehr fuer meine Reise und fuer Oesterreich interessieren. Wir unterhalten uns bis Mitternacht, dann geht es ab ins Bett.