Tag 78

Von nun an geht es in Richtung Norden. Keine Ausfluege mehr, die Zeit bis Weihnachten wird knapp. Wir trampen also von Sulaimaniyya nach Duhok. Ganz so einfach geht das allerdings nicht. In Sulaimaniyya brauchen wir einige Zeit, um halbwegs aus der Stadt raus zu kommen. Als wir dann das Schild hochhalten, kommt die Polizei auf uns zu. Wir versuchen ihnen zu erklaeren, was Trampen ist und wie es funktioniert. So ganz wollen sie uns aber nicht verstehen. Ich und Jess sollen zu einem Regierungsgebaeude mitkommen, da sie uns von dort ein Auto organisieren wollen. Bill bleibt auf der Strasse und versucht weiterhin ein Auto zu stoppen. Sein Hauptproblem sind die vielen Taxis, doch da hinter ihm ein Typ vom Militaer steht, werden sämtliche Taxis sofort mit einer Andeutung des Gewehrs weggejagt. Jess und ich sind in dem Regierungsgebaeude und warten und warten. Irgendwie spricht keiner mit uns und alle tun fuerchterlich beschaeftigt. Ploetzlich stuermt Bill hinein und sagt uns, dass er ein Auto hat. Wir rennen los zur Strasse und steigen in das Auto. Bevor es losfaehrt, sagt der Polizist noch irgendwas wegen Geld zu dem Fahrer. Er fragt auch uns, ob wir nicht Geld fuer ihn haben, genau verstehen wir ihn aber nicht. Ohne zu bezahlen fahren wir los.

Nach ein paar Kilometer faengt dann der Fahrer an, von Geld zu sprechen. Wir machen ihm klar, dass wir keines haben und er wird auf einmal etwas unbeherrscht. Er will zurueckfahren und uns der Polizei uebergeben. Wir haben nicht wirklich Lust den penetranten Polizisten von vorhin wieder zu treffen und so wollen wir dem Fahrer rund 3 Euro fuer die Fahrt geben. Er lehnt ab und faehrt weiter, daraufhin werden wir etwas lauter und lauter und lauter, bis wir beinahe zu schreien beginnen. Er knickt ein und laesst uns aussteigen. Immerhin haben wir jetzt einen guten Platz zum Trampen, ohne Polizisten und nervige Taxis.

Mit einem SUV geht es weiter bis nach Dokan. Da unser altes Schild fuer diese Stadt war, brauchen wir ein Neues. Ich bitte einen Jungen an der Strasse, den Namen der naechsten Stadt auf Kurdisch zu schreiben. Er malt duenn mit Bleistift vor und ich zeichne mit meinem dicken Filzstift nach. In null komma nichts versammeln sich mehr und mehr Schaulustige, Tramper hat man in Dukan wohl noch nicht gesehen.

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Es geht weiter und nach einem weiteren Zwischenstopp fahren wir mit Mustafa mit. Er spricht leider nicht wirklich Englisch, wir lassen Rebaz ueber das Telefon die wichtigsten Informationen uebersetzen. Waehrend der Fahrt halten wir und der Fahrer will ein paar Fotos mit uns machen.

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Irgendetwas muss ihm Rebaz gesagt haben, denn nachdem Mustafa Akre erreicht hat, bleibt er stehen und will uns ein Taxi nach Duhok zahlen. Wir lehnen staendig ab, doch selbst nachdem wir ihm den Weg versperren, drueckt er dem Taxifahrer das Geld in die Hand. Mustafa sieht nicht besonders reich aus, also beschliessen wir ihm das Geld zu ersetzen und noch ein paar Fotos in das Briefkuvert zu legen. Wir haben seine Nummer, also soll Rebaz die Adresse rausfinden.

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Am Rande der Strasse wird viel Gebaut und die Dorfbevoelkerung beobachtet das Geschehen mit groesstem Interesse. Durch den Regen in den letzten Tagen, ist sogar etwas Gras auf den Huegeln der Region, normalerweise ist die dominierende Farbe Braun.

Als es dunkel ist, treffen wir in Duhok ein. Wir finden auch sofort ein Hotel fuer einen guenstigen Preis. Dieses Mal haben wir sogar drahtloses Internet und zahlen weniger als zu Beginn der Irak-Reise.

Es dauert nicht lange und wir treffen uns wieder mit Karwan. Nach und nach treffen auch die anderen Jungs ein und gemeinsam machen wir uns auf den Weg in eine Bar. Der Kellner in der Bar ist Jasidi und hat somit keine Probleme Bier auszuschenken, die Gaeste sind aber selbstverstaendlich zum Grossteil Muslime. Ein paar Flaschen Bier spaeter bezahlen wir und werden zurueck zum Hotel gefahren. Auch in Duhok faehrt man nach vier bis fuenf Bier noch Auto.

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Tag 77

Heute haben wir uns eigentlich nur den Bazar vorgenommen, also stehen wir etwas spaeter auf. Wir schalten den Fernseher ein und verfolgen die News von Al Jazeera. Heute gab es wohl zwei Anschlaege im Irak. In Bagdad und in Kirkuk gingen Autobomben hoch. Die Meldung wird in 5 Sekunden abgespeist. Der Irak ist nun schon seit 9 Jahren in den Medien und das oeffentliche Interesse scheint erschoepft. Ich finde es trotzdem etwas traurig, dass es keine Meldung ueber die politische Lage im Land gibt. Gezeigt werden nur die Folgen aus gescheiterten Verhandlungen des kurdischen und arabischen Teils.

Nach einem Freuehstueck geht es dann in die engen Gassen des Bazars. Alle Geschaefte sind thematisch sortiert. Es gibt einen Bereich fuer Gold, fuer Essen, fuer Werkzeug usw. Beim Nahrungsmittelmarkt sind wir ueber die Frische verwundert. Hier kann man das Huhn noch lebendig kaufen. Wirklich spannend ist aber, dass die Tiere nicht angebunden sind und trotzdem in ihren offenen Gehegen bleiben.

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Es geht weiter zur Textilabteilung, da sich Jess eine kurdische Umhaengetasche kaufen will. Bill und ich unterhalten uns derweil mit den Teppichhaendlern und trinken etwas Tee zusammen. Jess tut sich schwer mit der Entscheidung, also leistet sie uns Gesellschaft. Der nächste Verkäufer bietet ihr verschiedene Teppiche an und sie kann sich wieder nicht Entscheiden. Die ganze Sache dauert also. Am Ende ist sie etwas Geld losgeworden und hat dafuer zwei Umhaengetaschen mehr.

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Wir gehen zum Hotel und ich habe vor, mir die Haare schneiden zu lassen, da bei Rebaz‘ Familienessen schon Vergleiche zwischen mir und Justin Bieber gezogen wurden. Als ich aus dem Hotel gehe, faengt es erneut zu regnen an und so muss ich die Sache verschieben.

Der Hotelmanager hat uns heute zum Essen eingeladen. Er hat uns nur am Vormittag gesagt, dass er heute kocht. Seine Freundin hilft ihm wohl dabei. Die beiden sind Jasidis und somit unterhalten wir uns etwas ueber ihren Glauben, da er fuer mich vorher voellig unbekannt war. Ich und Saaid reden noch etwas und Jess wird in unser Hotelzimmer gebeten. Wir wissen nicht wirklich was los ist, aber es stellt sich heraus, dass sie gemeinsam mit der Freundin des Hotelmanagers das Essen auftischen soll. Das Tischgespraech wird von Google Translate begleitet, da die beiden fast kein Englisch sprechen.

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Als wir fertig sind, gehen wir wieder in die Lobby und Bill packt die Karten aus. Es sind noch zwei Iraner im Hotel und so laden wir sie ein mitzuspielen. Waehrend Jess mit Saaid und seiner Freundin bei Facebook unterwegs ist, lernen wir ein iranisches Kartenspiel. Ich verliere leider, aber das Spiel hat Spass gemacht.

Tag 76

Der Tag beginnt mit einem ordentlichen Fruehstueck. Es gibt eine Suppe mit gutem Fettanteil und Fleisch im Teigmantel. Als Beilage gibt es, wie zu jedem Essen im Irak, frisch gebackenes Fladenbrot. Pro Person bezahlen wir rund einen Euro. Das Preis-Leistungs-Verhaeltnis stimmt also definitiv.

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Wir wollen heute in das Anma Suraka Museum. Damit ist das noerdliche Hauptquartier der ehemaligen Geheimpolizei waehrend Saddams Herrschaft gemeint. Als wir uns den Mauern des Komplexes naehern, sehen wir zahlreiche Einschussloecher. Die stammen noch von dem Aufstand vor 21 Jahren, als die Peschmerga (Kurdische Wiederstandskaempfer) das Gebaude erfolgreich stuermten. Wir betreten das Areal und bekommen sofort einen Museumsfuehrer an die Seite gestellt, der uns alles auf Englisch erklaeren kann.

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Der erste Raum beinhaltet zwei grosse Gefaengniszellen, hier wurden massenweise Kurden einquartiert. Der Fuehrer meint, dass in einer Zelle wohl bis zu 80 Menschen waren. Weiter geht es ueber das Folterzimmer in das Verhoerzimmer, was im Grunde auch ein Folterzimmer ist. Hier wurden Menschen an den Haenden aufgehangen, bis sie sich nicht mehr bewegen konnten. Unterbrochen wurde das beschauliche Herumhaengen von gelegentlichen Stromstoessen. Die Waende sind mit Holz verkleidet, damit man die Schreie ausserhalb des Raumes nicht hoeren konnte.

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Die Ausstellung beschaeftigt sich allerdings nicht nur mit dem Schrecken des Saddam-Regims, sondern zeigt auch kulturelle Gegenstaende des kurdischen Lebens. So gehen wir von Raum zu Raum und landen am Ende doch wieder beim Leid der Kurden. In einem Keller sind Fotos ausgestellt, die die Opfer der Anfal-Kampagne zeigen. Man sieht Menschen, die durch Chemie-Waffen gestorben sind und einfach so auf der Strasse liegen. Ich habe mittlerweile das Buch, das mir Rebaz‘ Freund geschenkt hat, gelesen und verstehe die ganze damalige Situation mit den heutigen Eindruecken noch etwas besser.

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Als wir wieder an die frische Luft gehen, regnet es haeftig. Da die Ausstellung und der Fuehrer gratis waren, beschliessen wir ihn auf ein paar Tassen Tee bzw. Kaffee einzuladen. Ich habe leider seinen Namen vergessen, aber wir fuehren eine interessante Unterhaltung. Er hat wohl die letzten paar Jahre etwas zu viel gechillt und ist jetzt hoch motiviert zu studieren und etwas mit Sinn zu machen. Sogar Bewerbungen fuer verschiedene Universitaeten in Grossbritannien sind schon ausgefuellt und abgeschickt.

Als der Regen etwas aufhoert, gehen wir raus und sehen uns noch ein paar Panzer, Haubitzen und sonstiges Kampfgeraet an. Durch den starken Regen ist unsere Bewegungsfreiheit etwas eingeschraenkt, also verbringen wir den Grossteil der Zeit im Internetcafe bzw. im Hotel. Wir entscheiden uns am Abend, dass wir noch einen Tag laenger in Sulaimaniyya bleiben werden, da wir noch den groessten Bazar Kurdistans sehen wollen.

Tag 75

Heute soll es aber klappen mit der Fahrt nach Sulaimaniyya. Bevor wir das Haus verlassen, raeumen wir noch auf und beseitigen die Bierflaschen. Rebaz faehrt uns zu Yassins Buero und gemeinsam trinken wir Tee. Er ueberrascht uns, als er uns sein faible fuer romantische Gedichte gesteht. Insgesamt hat er bereits 158 Gedichte geschrieben. Ein paar davon gibt er nun zum Besten.

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Der Firmenwagen, von dem er gestern gesprochen hat, ist wohl ein Taxi. Wir muessen dafuer aber nicht bezahlen, also ist das auch ok. In Koya stoppen wir kurz fuer einen Snack, bevor es die Bergstrasse hoch geht. Es regnet und einige LKWs schaffen den Anstieg nicht mehr und muessen stehen bleiben. Der Taxifahrer braucht ab und zu einen zweiten Anlauf, wenn die Strasse aus Matsch anstatt Asphalt besteht. Wir kommen aber insgesamt gut durch.

Sulaimaniyya erreichen wir erst als es dunkel wird und es regnet hier ebenfalls. In der Stadt gibt es natuerlich keine Abfluesse und so stroemt das Wasser nur so die Strassen hinunter. Wir finden zum Glueck schnell ein Hotel und koennen einen guten Preis verhandeln. Statt 45.000 fuer 3 Leute, zahlen wir 35.000. Am Anfang stellt sich der Rezeptionist noch etwas an, da Jess bei uns im Zimmer schlafen will. Wir behaupten allerdings irgendwann, dass wir alle Cousins sind und die Sache geht in Ordnung.