Tag 36

Die gestern gekaufte Matrjoschka kann ich natuerlich nicht im Rucksack mitnehmen. Es gibt zwei Optionen die Puppe zu versenden, entweder mit der russischen Post, oder mit DHL. Die russische Post ist allerdings dafuer bekannt, dass sie so ziemlich alle Sendungen beschaedigt, oder aufreisst und den Inhalt klaut. Daher machen Yuri und ich uns auf zur DHL Packstation. Dort lassen wir alles ordnungsgemaess eintueten, die Dokumente fuer den Zoll werden fertig gemacht und zum Schluss erfahren wir den Preis fuer den ganzen Spass: 7000 Rubel!! (Rund 170 Euro) Ich lehne dankend ab und Yuri erzaehlt mir, dass er sowieso vor hat, im Winter nach Oesterreich zu kommen, dann kann er die Puppe gleich mitnehmen.
Es geht weiter zur Busstation. Ich habe Glueck und der naechste Bus nach Elista geht in 20 Minuten. Yuri bringt mich noch zum Bus und wir verabschieden uns. Die Fahrt nach Elista dauert rund 6 Stunden und auf dem Weg sieht man nichts, bis auf eine karge Steppe und ab und zu ein paar Schafe und Kuehe. Auch Verkehr ist relativ wenig zu sehen. Ich bin froh, dass ich mich fuer den Bus und gegen das Trampen entschieden habe. Im Bus gibt es sogar ein Entertainment-Programm. Eine wirklich schlechte Kriminalserie, in der sogar das Blut fehlt wenn sich die Menschen gegenseitig abknallen. Man hat das Gefuehl, als wuerde das Drehbuch in der Nacht geschrieben, am Vormittag gedreht und am Nachmittag gesendet.
Elista ist die Haupstadt der Region Kalmueckien. Das ehemalige Normadenvolk stammt urspruenglich aus Mongolien und ist seit dem queer durch Asien gereist. Noerdlich des Kaukasus haben sie sich niedergelassen und sind jetzt ein Teil von Russland. Kalmueckien ist die einzige buddhistische Region Europas.
Als ich am Busbahnhof ankomme, werde ich das erste Mal in Russland nach meinem Ausweis gefragt. Die zwei Polizisten sind aber eher an mir als Person interessiert, als an meinen Papieren. Sie kontrollieren nicht einmal mein Visa, nur die Seite mit dem Foto. Da sie aber kein Deutsch oder Englisch koennen, haben sie auch keine Ahnung was auf der Seite steht. Sie fragen mich aber woher ich komme, wohin ich Reise und so weiter.

Gelya kommt vorbei, die ich ueber Couchsurfing angeschrieben habe, ich kann leider nicht auf ihrer Couch schlafen, aber sie zeigt mir eine Wohnung die ich halbwegs guenstig fuer zwei Tage mieten kann. Ich zahle 25 Euro pro Nacht, da es aber in Elista keine Hostels gibt, ist das die guenstigste Loesung. Gelya zeigt mir den Hauptplatz und wir setzen uns noch mit einem Freund von ihr in ein Cafe. Um 21h00 geht es schon nach Hause, da sie muede ist, ich schliesse mich an und komme zur Abwechslung mal frueh ins Bett.

Foto Haus

Tag 35

Maria und ich gehen wieder zum Paulusmuseum, doch heute ist das wohl auch geschlossen. Keiner weiss wirklich Bescheid, da es sich im Keller eines Einkaufszentrums befindet, aber die Tuer ist zu. Wir spazieren noch etwas durch die Stadt, halten uns aber in Bahnhofsnaehe auf. Da Maria heute den Bus nach Nizhny Novogord nimmt, sitzen wir im nahegelegenen Park und unterhalten uns. Yuri kommt in seiner Mittagspause vorbei und wir verabschieden uns von Maria.

Wir fahren in die Wohnung und ich entspanne ein bisschen, Yuri muss in die Arbeit. Ich mache mir Gedanken wegen eines Souvenirs und es soll eine Matrjoschka werden. Yuri kommt gegen 18h00 wieder von der Arbeit und wir ueberlegen, wo mann um die Zeit noch so etwas herbekommt. Mit dem Taxi machen wir uns auf die Suche und der erste Shop hat auch direkt geschlossen. Wir versuchen es am Bahnhof. Yuri steigt aus und meint zu mir, dass ich im Taxi bleiben solle. Er kommt mit einer grossen schwarzen Tuete wieder zurueck und drueckt sie mir in die Hand. Darauf meint er nur: „It’s a present.“

Im Restaurant essen wir zu Abend und ich finde heraus, dass die Puppe aus ganzen 10 Teilen besteht. Wir gehen wieder in die Cocktailbar, in der wir auch schon die letzten Tage waren. Diesesmal ist ein anderer Barkeeper da, der aus Nigerien kommt. Dort spricht man Englisch und so koennen wir uns gut unterhalten. Mein Schal, den ich gestern Abend in der Bar vergessen habe, ist leider nicht aufgetaucht, aber das ist nicht so schlimm. In der neachsten Stadt, Elista, soll es um die 20 Grad haben.

Tag 34

Ich und Maria wollen zum Bunker von Friedrich Paulus, der erste (und einzige?) Generalfeldmarschall der sich unter Hitler ergeben hat. Leider hat das Museum heute geschlossen. Wir werden morgen unser Glueck noch einmal versuchen. Das Wetter ist gut, wir kaufen uns ein Eis und setzen uns zur Wolga. Ich bin wirklich froh, dass ich jetzt schon deutlich weiter suedlich bin und die Temperatur wieder schoen langsam steigt.

Yuri kommt frueh von der Arbeit und wir fahren zu dritt zum Kriegsdenkmal. Damit ist eine riesige Statue mit Schwert gemeint, die Mutter Heimat genannt wird. Neben der Statue ist ein Gedenkraum, mit ewigen Feuer, zahlreichen Namen von toten russischen Soldaten und ein paar lebendigen Soldaten die auf das Ganze aufpassen. Als wir kommen, ist gerade Wachabloese und die Aufgabe des Kommandanten ist es, die Uniform seiner Untergebenen korrekt herzurichten.

Wir haben nicht mehr viel Zeit, bis es dunkel wird, also fahren wir zu einer nahegelegenen alten Bootsstation. Hier hielten fruher Linienschiffe, die auf der Wolga unterwegs waren. Jetzt sieht man russische Paerchen und Menschen wie uns, die sich einfach das alte Haus anschauen wollen. Die Fahrt dorthin geht zuerst ueber die Autobahn und dann ueber Stock und Stein, ich bin begeistert, dass Yuris alter Lada die Strecke problemlos packt. Es wimmelt nur so von tiefen Schlagloechern, Steinen und Sandgruben. Bewacht wird das Haus von einem gemeingefaehrlichen Hund.

Anschliessend machen wir das, was man eben am Abend so macht. Wir kaufen eine Flasche Vodka, ein bisschen Fanta zum runterspuelen und treffen Yuris Freunde in einem Park. Sie koennen leider nur sehr wenig Englisch, aber so ein bisschen kann ich mich unterhalten. Maria spricht sowieso Russisch und kann mir ein bisschen helfen.

Danach gehen wir wieder in die Bar von gestern, dieses Mal ist etwas mehr los und es macht dort schon mehr Spass. An unserem Tisch sind zwei Maedels und unterhalten sich. Yuri meint zu mir schon, dass er sich nicht ganz sicher waere, als er aber nach der Telefonnummer fragt, sagt er zu mir: „Prostitutes.“ Wir trinken unseren Cocktails aus und suchen das Weite.

Tag 33

Obwohl ich ich eine „Platzkart“ gekauft habe (40 Betten in einem Wagon ohne Tueren) verlaeuft die Nacht relativ ruhig. Ich wache zwar ein paar Mal auf, aber kann gleich wieder weiterschlafen. Nach 10 Stunden reicht es dann auch, als ich meine Augen aufmache, sehe ich lauter alte Frauen durch den Zug gehen, die alles Moegliche verkaufen. Das ist aber im Osten ziemlich normal, da die Rente einfach nicht zum Leben reicht.

Es ist Zeit fuer ein Fruehstueck. Die Anderen sind auch schon wach und wir trinken gemeinsam Tee. Heisses Wasser gibt es im Zug gratis und die anderen Fahrgaeste geben mir Teebeutel und ihr Teeglas. Man bekommt naemlich traditionelle russische Teeglaeser, die halb aus Metall sind und damit ein Glas umschliessen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das bereits im Blog erwaehnt habe, aber Russen lieben Tee. Mittlerweile trinke ich auch 2 bis 3 Tassen pro Tag, warum eigentlich nicht? Da das Wasser aus der Leitung meistens nicht besonders schmeckt, wird es eben abgekocht und aromatisiert. Am Nachmittag bekomme ich noch etwas Kuchen geschenkt. Doch das soll es noch nicht gewesen sein, damit ich auch sicher nicht verhungere, gibt es noch zwei dick belgte Wurstbrote und natuerlich eine Gurke mit etwas Salz. Um das zu verdauen, lege ich mich nochmals fuer zwei Stunden hin.

Um 17h00 sind wir dann in Volgograd. Yuri, mein Couchsurf-Host und Maria, eine Couchsurferin aus Deutschland, warten schon auf mich am Bahnsteig. Wir gehen nach Hause und ich kann mich endlich duschen. Nach einenhalb Tagen in Zuegen und Bahnhoefen fuehlt sich das umso besser an.

Yuri ist Systemadministrator und arbeitet in einem schicken Buerogebaude. Mit mir und Maria faehrt er in den 46. Stock, direkt zum Dach. Wir gehen eine Treppe hoch und sind auf dem Hubschrauber-Landeplatz. Von hier aus hat man eine tolle Sicht ueber Volgograd. Es wird gerade dunkel und so ergibt sich auch eine tolle Stimmung mit dem restlichen Licht der Sonne und dem kuenstlichen Licht der Strassen.

Als es dunkel ist, gehen wir entlang der Kampflinie von Deutschen und Russen. Auf der Seite der Wolga waren die Deutschen und auf der anderen Seite die Russen. Wirkliche Rueckzugsmoeglichkeiten gab es also nicht. Insgesamt starben rund 700.000 deutsche Soldaten bei dem erfolglosen Kampf um Stalingrad. Viel davon sieht man allerdings nicht mehr, es nur noch wenige Gebaeude, die Seit dem Weltkrieg stehen blieben.

Wir gehen in ein Restaurant, das wie eine Bierhalle gestaltet ist. An den Waenden finden sich Masskruege und die Kellnerinnen tragen Dirndl, nicht das erste Mal, dass ich auf meiner Reise Oktoberfest aehnliche Lokalitaeten sehe. Anschliessend gibt es noch zwei Cocktails in einer Bar, doch da es Sonntag ist und wir fast die einzigen Gaeste sind, gehen wir zurueck zur Wohnung.